Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Die Liebe siegt Teil 1

Die Liebe siegt

An einem schönen Junitag geschah es, dass Erna, die elfjährige Tochter der Kriegerwitwe Röder, die draussen am Rande der Stadt in einem kleinen Siedlungshaus zur Miete wohnte, auf dem Heimweg von der Schule auf der Bahnhofsstrasse von einem fremden Herrn nach dem Weg zur Weberei „Krause & Sohn“ gefragt wurde. Erna gab höflich die gewünschte Auskunft und konnte es dann gar nicht fassen, dass ihr für diese kleine Mühe, die doch gewiss nicht der Rede wert zu nennen war, ein blankes Fünfzigpfennigstück zum Lohn wurde. Ganz verwirrt dankte sie und sprang davon. Fast wie ein Junge lief sie dahin, bis sie mit Leuten, die, wie der fremde Herr „vom Zuge“ kamen, zusammenstiess. Da nahm sie sich wieder zusammen und ging gesittet, wie man das bei ihr sonst immer gewohnt war, ihres Weges weiter.

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„Fünfzig Pfennig, ganze fünfzig Pfennig gab mir der fremde Herr für seine Auskunft!“ jubelt es in dem Mädchen. „Was man sich alles dafür kaufen kann!“ Dies und das ging Erna durch den Sinn, bis sie am Erfrischungshäuschen am Ende der Strasse vorbeikam. „Ein Täfelchen Schokolade könnte es sein oder auch ein Beutelchen feiner Bonbons“ dachte sie. Und das stand sie auch bereits vor dem grossen Schiebefenster. „Und an Mutters Geburtstag – übermorgen – denkst du gar nicht?“ fragte es plötzlich in ihr.

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Ernas Gesicht wurde abwechselnd schneeweiss und feuerrot. Wie bei einer Ungehörigkeit ertappt fühlte sie sich. Da liess sie die Hand, die schon an die Scheibe pochen wollte, sinken und war bereit, weiterzugehen. Doch so weit kam Erna nicht. Schon wurde das Fensterchen hochgeschoben und Frau Döring, die Inhaberin des Erfrischungshäuschen, fragte: „Was soll`s den sein, Erna?“ Erna fand nicht den Mut zu einer Entschuldigung. Dafür war das Verlangen nach den süssen Dingen noch viel zu gross in ihr. „Ein Täfelchen Vollmilchschokolade zu fünfzig Pfennig“ verlangte und bekam sie. Dann aber, als sie einige Schritte weitergegangen war, überkam sie die Reue. „Mit dem Geld hätte ich Mutter eine Freude machen können; so aber habe ich gar nichts für sie!“ ging es ihr durch den Sinn.

Wie traumwandelnd schritt Erna nun weiter. Bei der Brücke hinter dem Bahnhof stand sie eine Weile still und sah dem lustigen Treiben der Bachforellen zu. Und dabei geschah es, dass sie – ganz in Gedanken – die Schokolade anbrechen wollte. Wäre jemand nahe an dem Mädchen vorbeigekommen zur selben Zeit, der hätte wohl gar das Schnalzen der Zunge vernehmen können, so freute sich Erna auf den Genuss der guten Schokolade. Ihr werdet das gewiss verstehen können. Und wenn ich euch sage, dass Erna noch nie eine ganze Tafel Schokolade ihr eigen nannte, in ihrem ganzen elfjährigen Leben noch nicht, dann – ja, nicht wahr, das Täfelchen konnte schon lange „verschwunden“ sein. So denkt ihr sicher, oder etwa nicht?

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Aber dieses Täfelchen Schokolade verschwand nicht, auch jetzt noch nicht. Ganz plötzlich kam Erna ein schöner Gedanke. „Da hab ich ja etwas für Muttis Geburtstag!“ musste sie denken. „Und sogar etwas recht Feines! Wenn ich dazu noch einen schönen Blumenstruass holen gehe, dann—“ Erna wurde so springlebendig, wie die Bachforellen. Leichtfüssig, ihre Schultasche pendeln lassend und glücklich lächelnd, sprang sie nun nach Hause.  Zuhause aber fiel es ihr schwer, von ihrer Freude nichts merken zu lassen. Die Mutter sass wie immer an ihrer Nähmaschine. Die Arbeitshosen, die sie für die Fabrik am anderen Ende des Städtchens zusammennähe, wurden nicht gut bezahlt. Da hiess es eben, bei der Arbeit bleiben, wenn das zum Leben notwendige Geld herangeschafft werden sollte.

Ungekürzte Kurzgeschichte von Oskar Bergien aus dem Buch Kinderherz und Kindersinn vom Verlag SV

ramylu

 

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Autor:

Liebe Blogleser! Eines meiner vielen Hobbys ist zu lesen, wie ihr bestimmt erraten könnt. Doch das ist bei weitem noch nicht alles: Ich liebe es, zu kochen und zu backen, Geschenke in Hülle und Fülle zu machen, mit kleinen Kindern zu spielen, telefonieren, abmachen, Dinge organisieren oder - in letzter Zeit habe ich gelernt, zur Ruhe zu kommen und zum Beispiel ein heisses Bad zu nehmen ;-) Mein Lieblingsbuch… Puh, schwierige Frage. Die besten drei sind wahrscheinlich die Serie von Elisabeth Büchle: (Himmel über fremden Land, Sturmwolken am Horizont, Hoffnung eines neuen Tages). Ausserdem liebe ich "Die Liebe findet dich", "Mehr als mein Herz", "Stolz und Vorurteil" und last but not least die Alaska-triologie von Tracie Peterson. Unten noch die Linke zu den Beiträgen! . Die müsst ihr einfach lesen! Mein Lieblingsessen ist Rösti, Spiegeleier und Fleischkäse. Später möchte ich einmal Bankangestellte werden, evntl. nachher noh Grafikerin. Mein Traum wäre es, eines Tages ein Buch zu veröffentlichen, und ich übe schon fleissig :-) Mein grösster Wunsch für die Zukunft ist, dass ich Gott mit meinem Leben verherrliche und dass ich eine grosse Familie haben kann. Ramylu Übrigens: Wenn ihr auch gerne lest: www.lesemausblog.wordpress.com Linke zu den Beiträgen meiner Lieblingsbücher: ElisabethBüchleSerie: https://lesemausblog.wordpress.com/?s=elisabeth+büchle+band Die Liebe findet dich: https://lesemausblog.wordpress.com/2016/03/01/die-liebe-findet-dich/ Mehr als mein Herz: https://lesemausblog.wordpress.com/2016/12/24/gastbeitrag-mehr-als-mein-herz/ Stolz und Vorurteil: https://lesemausblog.wordpress.com/2017/01/25/stolz-und-vorurteil/ Alaska-triologie: https://lesemausblog.wordpress.com/?s=Alaska

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